Iuventa Crew erhält Menschenrechtspreis

 

 

 

Die Iuventa rettete 14.000 Ertrinkende aus dem Mittelmeer, Italiens Staatsanwaltschaft hat deshalb Ermittlungen gegen zehn Crewmitglieder eingeleitet. Der Vorwurf: Menschenhandel. Den Freiwilligen drohen 20 Jahre Haft. Eine schweizerische Stiftung verleiht der Iuventa-Crew jetzt einen Preis über 50.000 Franken – die Seenotretter gäben den Menschen in Europa Mut. „Das Preisgeld können wir für die Anwaltskosten gut brauchen. Aber lieber wäre ich auf See, als auf einer Gala in St. Gallen“, sagt Kapitän DARIUSH.

Ich wäre selbst einmal fast vor der Küste von Malta ertrunken. Nicht zu wissen, ob mich jemand in den Wellen entdeckt, dieses Gefühl von Hilflosigkeit werde ich nie vergessen“, sagt Segeltrainerin und Bootsbauerin ZOE. Weil sie die Fernsehbilder von ertrinkenden Menschen schockierten, heuerte sie auf der Iuventa an. Jetzt muss sich die 22-Jährige vor Gericht für ihre Solidarität verteidigen, es laufen Ermittlungen wegen „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“. Die Iuventa war im August 2017 das erste private Rettungsschiff, das in Italien beschlagnahmt wurde.

Während in Tripolis Milizen um die Macht kämpfen, kreuzt kein einziges Rettungsschiff vor der libyschen Küste. Seit die zivile Seenotrettung kriminalisiert wird, ist die Todesrate auf dem Mittelmeer dramatisch angestiegen. Einer, der die Flucht 2016 überlebt hat, ist der Englischlehrer MOHAMMED aus Az-Zawiya in Libyen. Der 25-Jährige lebt heute als anerkannter Asylbewerber in Dresden. „Ich verdanke mein Leben diesen Leuten, die mich nicht einmal kannten.“ Seit Stunden trieben Mohammed und seine Mitreisenden in einem kleinen Holzboot ohne funktionierenden Motor in internationalen Gewässern, als ihnen zwei Crews zur Hilfe kamen: „Ich habe drei Tage lang nichts gegessen, es war nichts zu sehen, außer: Wasser.“

Kapitän DARIUSH steuerte die Iuventa drei Mal vor die libysche Küste. Er sagt: „Wir werden angeklagt, weil wir Leben gerettet haben. Das ist absurd. Europäische Politiker und Politikerinnen sind es doch, die jeden sicheren Weg für Menschen auf der Flucht versperren, so dass wir handeln mussten.“ Verdeckte Ermittler wollen beobachtet haben, dass die Iuventa Crew mit Schleppern kooperiert. Dafür gebe es keine Beweise, sagen Wissenschaftler der Goldsmiths University London. Sie haben die Vorwürfe der italienischen Polizei mit allen verfügbaren Daten, meteorologischen Messwerten, Logbüchern und Aufnahmen der Agentur Reuters verglichen. In ihrer Studie für Forensic Architecture kommen sie zum Schluss: Die Behauptungen sind falsch.

Um ein Zeichen gegen die Kriminalisierung von Fluchthilfe zu setzen, zeichnet die Schweizer Paul Grüninger Stiftung am 10. Mai Zoe, Dariush, Pia, Sascha, Kathrin, Hendrik, Laura, Uli, Miguel und Miguel für ihr Engagement an Europas Grenzen aus. „Die jungen Crew-Mitglieder wirkten damit dem humanitären Versagen der europäischen Politik entgegen. Sie gaben auch anderen Menschen in Europa den Mut, nicht in der Ohnmacht zu verharren“, heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Das Preisgeld von 50.000 Schweizer Franken solle auch einen substantiellen Beitrag zur Verteidigung der Retterinnen und Retter leisten. Die Prozesskosten für den Fall werden in der ersten Instanz auf mindestens 500.000 Euro geschätzt.

Die Anwälte gehen davon aus, dass im Sommer der Prozess beginnt und Anklage gegen die zehn Crewmitglieder erhoben wird. Es ist ein Präzedenzfall für Europa, sagt Hauptanwalt NICOLA CANESTRINI aus Südtirol: „Dieses Verfahren wird zeigen, ob Europa in der Welt weiterhin für Grundrechte und Solidarität stehen kann.“ Der Fall Iuventa ist kein Einzelfall: Überall in Europa stehen Menschen vor Gericht, weil sie eine Tasse Tee ausgeschenkt, Obdach geboten, oder illegale Rückschiebungen an EU-Außengrenzen dokumentiert haben. Die Iuventa10 haben deshalb zur Preisverleihung am 10. Mai 2019 im Palace St. Gallen auch kriminalisierte aus Frankreich, Kroatien, Belgien eingeladen. Auf der Gala sprechen unter anderem Dragan Umicevic (Are You Syrious) und die syrische Rettungsschwimmerin Sarah Mardini.

Mit der Auszeichnung in der Schweiz wird das Thema wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Das ist wichtig, denn am meisten leiden nicht wir unter dem Prozess, sondern die Menschen auf der Flucht“, sagt Kapitän DARIUSH. Zehntausende Einwohner aus Tripolis und dem Umland sind laut Internationaler Organisation für Migration seit dem Beginn der Gefechte auf der Flucht. Besonders schlimm ist die Lage für rund 6.000 Migrantinnen und Flüchtende in den Internierungslagern. „Es geht hier nicht nur um uns. Wir sind wieder auf einer Mission: Die Solidarität in Europa verteidigen. Ich wünsche mir, dass alle mitmachen, die für Menschenrechte eintreten wollen und mit uns für ein solidarisches Europa kämpfen“, sagt ZOE.

Mehr Informationen zur Kampagne „we are iuventa10“ gibt es hier: www.iuventa10.org

 

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